Dokumentation Argumentationstraining gegen Stammtischparolen Kunst und Kultur

Am 12. und 13. Juni 2009 hat das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen Kunst und Kultur stattgefunden, ein Projekt der KUPFakademie, gefördert von der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung. Hier finden Sie eine Dokumentation dieses Projekts, die sowohl für TeilnehmerInnen als auch andere ErwachsenenbildnerInnen Einblick in diese themenspezifische Adaption eines bekannten Formats der Bildung für mehr Zivilcourage geben soll.

Ablauf

Ablaufdokumentation (PDF)

Theorie

Was ist das Stammtischparolen-Training?
Informationen von Klaus-Peter Hufer

Was sind Vorteile?
Ideologie = Herrschaft des Vorurteils
Gefahr, dass Vorurteile in Hass, Feindseligkeit umschlagen
Verallgemeinerung von "wesenhaften" Eigenschaften und "typischen" Verhaltenweisen
"Indem der Vorurteilsvolle nun jene Anteile von Schwäche, Bösen etc., die er bei sich wahrnimmt, abspaltet und mit Hilfe des Vorurteils auf den anderen, Fremden, überträgt, kann er sein dualistisches Weltbild und positives Selbstbild allen inneren Anfechtungen zum Trotz aufrechterhalten".

Subversives Argumentieren

Dokumentation

Über das Training
offener, selbstgesteuerter Ablauf

  • eigene Handlungsspielräume kennenlernen
  • Bereitschaft zu intervenieren, Selbstsicherheit
  • Sachkompetenzerwerb: Wissen zum Thema erwerben

-> Zivilcourage im Alltag: verbesserte demokratische Kultur
Grenzen des Trainings: kein Rhetoriktraining, kein Schlagfertigkeitstraining

Brainstorming Stammtischparolen zu Kunst und Kultur

  • Kunst wird von Steuergeldern bezahlt
  • Kunst kommt von Können
  • Des is ka Kunst
  • Des kann i a
  • I bin ja auch irgendwie a Künstler
  • Des is ja Frauenkunst
  • Hast nix Gescheites gelernt?
  • Was ist eigentlich Dein richtiger Beruf?
  • Was soll an Kunst seriös sein?
  • Zuerst muss die Wirtschaft florieren
  • Kunst muss sich am Kunstmarkt rechnen
  • Warum soll mich das interessieren?
  • Des kann ja mein kleines Kind besser!
  • Wenn das jeder machen würde, wo kommen wir da hin?
  • Das können sie ehrenamtlich ja auch machen!
  • Was ist dein Beitrag zum Staat?
  • Das ist schiach!
  • Das klingt ja grauslich, das tut in den Ohren weh.
  • Gute Kunst setzt sich durch.
  • Kannst du nicht mal was Schönes machen?
  • Warum sucht ihr euch keine privaten Sponsoren?
  • Da geht ja kaum wer hin und schaut/hört sich das an.
  • Kunst braucht keine Quoten.
  • Wie hoch ist der Eigenfinanzierungsanteil?
  • Was machst du eigentlich den ganzen Tag?
  • Die Künstler sind ja eh meistens auf Drogen.
  • Nach der Veranstaltung liegt viel Dreck rum.
  • Das ist so laut. Da kriegt man einen Gehörschaden.
  • Warum sind Künstler so komisch angezogen? Können die nicht anständig daherkommen?
  • Was ist denn heute bitte noch Kunst?
  • Das sind ja alles Staatskünstler.
  • Wenn man einen Namen hat, dann kann man sich alles erlauben.
  • Ihr seid ja schon so hoch subventiert!
  • Als Frau musst du dir überlegen, ob du Künstlerin bist oder bei den Kindern bleibst.
  • Das ist ja keine Künstlerin, sondern Hausfrau.
  • Wer braucht schon Kunst?
  • Die tun eh' immer nur demonstrieren.

Rollenspiel 1
Einstieg durch die Wirtin: "Das soll Kunst sein? Das geht ja kaum wer hin! Kann man da nicht mal was Schönes machen? Weil: Das kann ich ja auch!"
Pro die Parole: 2 Personen
Contra: 2 Personen
Alle anderen sind BeobachterInnen von Inhalt, Emotionen, Rhetorik
Download Rollenspiel mp3

Rollenspiel 2
Einstieg durch die Wirtin: "Das könnts ja eh ehrenamtlich machen! Was ist eigentlich dein richtiger Beruf? Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Und: Was ist dein Beitrag zum Staat?"
Pro die Parole: 2 Personen
Contra: 3 Personen
Alle anderen sind BeobachterInnen von Inhalt, Emotionen, Rhetorik
Download Rollenspiel mp3

Auswertung der Rollenspiele

Was war gut/wirkungsvoll?

    • Contras setzten viel konkretes Wissen über die Pros
    • Gut, dass Pros nicht zusammengesessen sind
    • Contras phasenweise Hegemonie!
    • Pros persönlich einbinden: "Dein Junge ist Gitarrist", "Haben sie Kinder?" (wenn real keine persönliche Ebene bekannt ist, dann recherchieren, nachfragen)
    • Inhaltliche Argumente, die wirken: dranbleiben!
    • Pro musste Contra in einer Sache rechtgeben. Information macht es Pros schwieriger Allgemeinplätze zu zitieren.

Was ist zu vermeiden?

    • Dass Pros immer am selben Argument reiten und diese Redundanz von den anderen jedesmal neu argumentiert wurde.
    • Dass stille Pro, die sich inhaltlich für die Sache zu interessieren begann, aber nicht hereingeholt wurde.
    • "Geh' jetzt tu nicht so!"
    • Pros voneinander differenzieren, auseinanderbrechen.
    • Konkretes, singuläres Sachwissen ist leichter zu vermitteln, als gegen Alltagstheoriewissen ("Das sind ja auch meine Steuergelder") anzugehen.
    • Pros nicht ernstnehmen.

Die Schwierigkeiten im Umgang mit Stammtischparolen ...

  • dass nicht inhaltlich argumentiert wird
  • Pauschalverurteilungen
  • Aggressivität
  • dass unterschiedliche Ebenen der Gesprächskultur aufeinandertreffen
  • personelle Übermacht
  • Allianzenbildung
  • fehlendes Zuhören
  • dass man nicht im ganzen Kulturbereich ein absolutes Wissen haben kann
  • Lautstärke
  • Beleidigungen, Untergriffe
  • Vorurteile
  • Phänomen, dass alle mitreden (im Unterschied zum Sport z.B.)
  • unklare Regeln
  • Offenheit des Kunstbegriffes als solches (Vielheit des Begriffes wird auf Eindimensionalität reduziert)
  • dass manche Kunstformen Vermittlung brauchen
  • Diskussionsregeln werden nicht eingehalten (z.B. Ablenkung, Ebenen wechseln, ...)
  • Die Parole sucht IMMER vereinfachte Lösungen
  • bestehende gesellschaftliche Ungleichheit spielt immer "hinein"
  • Harmoniebedürftigkeit: Stammtisch will sich einig sein -> Schwierigkeit dagegen zu stehen
  • fehlende Bereitschaft zu ernsthaften Diskussionen
  • automatische Verteidigungsposition
  • Entwertung von ExpertInnenstatus
  • mangelndes Wissen
  • notwendige Komplexitätsreduktion
  • Unsicherheit, fehlendes Selbstbewusstsein
  • weniger massenmediale Unterstützung
  • selektive Berichterstattung in Massenmedien
  • Ort des Diskussion, Umgebung
  • schwierig, Argumente zu positionieren, die Allianz der Pros nachhaltig zu durchbrechen
  • Wortschwall (von verschiedenen Ebenen der Argumentation), der beeindruckend ist ("zumüllen")
  • aufgrund des eigenen Geschmacks ein Urteil über Kunst fällen

Erkenntnisse Inhaltl. Argumente

    • 12% der ArbeiterInnen arbieten im Kunst- und Kulturbereich
    • Fragen stellen!
    • ... % des Budgets geht an Kunst und Kultur (nur!)
    • 1 h Drakenflug = Jahresgehalt einer durchschnittlichen Verkäuferin
    • 1 x im Leben Laufen = Sport, 1 x im Leben Kunst machen = Kunst
    • Kunst als Zeitdokument
    • Kunst als Identität einer Kultur
    • Genau nachfragen: Was meinst du jetzt genau damit? Auch provozieren (inhaltlich) - Flucht nach vorne
    • Nicht versuchen, nett und freundlich und verständnisvoll zu sein -> sondern: offensiv, frech, witzig
    • Im Fernsehen gibts auch viel Sch... Fernsehen abschaffen?
    • Was ist für Dich Kunst?
    • Ich finde das ist Kunst
    • Angriff: "Das versteh' ich nicht!" Antwort: "Ich auch noch nicht. Ich bin aber neugierig. ich schaus mir zuerst an. Kommst mit?"
    • Fakten und Zahlen unter http://www.zumutungen.at
    • Kunstförderung von Kommunen bringt das 4 1/2-fache dessen ein, was investiert wurde
    • andere subventierte Bereiche: Schule, Gesundheit, Strassen, ...
    • JedeR ist einE KünstlerIn
    • Das ist Kunst. Es gibt gute und schlechte Kunst.
    • Vergleich (Grundlagen-)Forschung
    • ICH mag das Bild
    • Nachfragen, Fordern, nur über sachen spreachen, die der/die "Contra" auch selbst gesehen/gelesen hat.
    • Psycho-Spielchen ("Kann der auch mal was Schönes machen?"
    • Umwegrentabilität (Getränkeumsatz, Hotels, Gastronomie, ...)

Arbeitsgruppe subversive Strategien

    • Sitzungordnung ändern
    • "na, Dirnei" -> Ansprechen!
    • Gerüchte aufbringen
    • Markierung der Differenz
    • Aufstehen / Körperhaltung
    • "Bitte hol mir Wassser" - Appell an den (männlichen) Beschützer
    • Ich, Dirnei, habe nicht zu sagen -> keine Kunst
    • Positive Ettikettenübernahme
    • Zeitunglesen, SMS schreiben
    • "Ich bin auch so einer, den man nicht versteht"
    • Eigene Konzentration auf Nebensächlichkeiten lenken
    • Bei der eigenen Authentizität bleiben
    • Affirmation
    • ICH finde es interessant
    • "Wollen wir keine Kunst - nur noch arbeiten und saufen?"
    • Gehen! (aber: schwierig im Berufskontext)
    • Keine Musik, kein Fernsehen, keine Filme, keine Kleidung
    • Verfügung über die Zeit anderer ist Macht (Klo, Handy)
    • Eigenpräsentation als ExpertIn

Arbeitsgruppe "Ein arbeitsloser Künstler ist ein arbeitsloser Künstler, eine arbeitslose Künstlerin ist Hausfrau"
Längere Debatte zu Chancengleichheit und Quoten, Linkhinweis zum Thema http://www.diequote.at

Hinweis:
Interessant erscheinen zusätzlich zwei inhaltliche Debatten, die in diesem Seminar nicht oder nur ansatzweise geführt wurden:

  • Der Zusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Diffamierung von Kunst als "entarteter Kunst" und heutigen Stammtischparolen
  • Gibt es linke Stammtischparolen?

Creative Commons License
KUPFakademie / Mag.a Sabine Sölkner, Andrea Mayer-Edoloeyi. Mitarbeit bei der Konzeption: Dr. Stefan Vater.

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